Die größte Stadt der Südhalbkugel, die meisten verschiedenen ethnischen Gruppen, die größte offene Schwulenszene in Lateinamerika, die größte Gemeinde von Menschen japanischer Herkunft außerhalb Japans, Deutschlands größte Industriestadt außerhalb Europas, Brasiliens größtes Wirtschaftszentrum und und und. All das wird São Paulo nachgesagt und mit dementsprechend hohen Erwartungen habe ich mich am Freitag mit Annabelle auf den Weg in die Metropole gemacht.
Da wir ja beide zur arbeitenden Bevölkerung gehören, mussten wir den 17 Uhr Bus nehmen und sind dann gegen 00:00 Uhr am riesigen Hauptbusbahnhof Tietê angekommen. Etwas verloren und desorientiert haben wir uns gegen das Abenteuer Metro fahren und für das, wie sich im Nachhinein herausstellte, noch viel größere Abenteuer Taxi entschieden. Ziel: Brooklin, die Wohnung von Dani, Annabelles Vermieterin, die nun seit Kurzem in Sampa (SPs Spitzname) arbeitet. Anfänglich war auch noch alles toll und der Taxifahrer witzig, bis wir gemerkt haben, dass er absolut keinen Plan hat, wo genau unsere Zielstraße liegt. Er hat sage und schreibe 4 mal angehalten und sich nach dem Weg erkundigt. Das Taxometer stieg in die Höhe und unsere Laune mindestens genauso, aber eher in die entgegengesetzte Richtung. Am Ende kam es noch zu einer kleinen Diskussion, dass man sich doch bitte, wenn man in so einer Stadt den Beruf des Taxifahrers ausübt, ein Navigationssystem zulegen sollte. Aber dann kam der Punkt, dass wir nicht in Deutschland sondern in Brasilien sind und dem gab es dann irgendwie auch nichts mehr entgegen zu setzen.
Samstagmorgen gegen 10, 2 Stunden später als geplant, haben wir uns dann endlich auf den Weg gemacht die große Stadt zu erkunden. Erstes Ziel: die Galeria dos Pães in Jardins, dem grünsten und schicksten Viertel der Stadt. Um unseren Frühstücks-Delikatessenladen zu erreichen, mussten wir auch nur 4 mal die Metro wechseln und haben dann bei Regen das Tageslicht wieder erblickt. Aber jedes Metrowechseln und jeder Tropfen Regen wurde wieder gut gemacht, als wir vor dem tollen Buffett standen. Ok, es war nicht der perfekt, dafür fehlten einfach Nutella, Lachs und Schwarzbrot, aber es war trotzdem ein Traum. Mit überfülltem Magen und aufgetankten Energien haben wir danach ein wenig die Gegend um Jardins erkundigt und ich muss sagen, das war alles gar nicht mehr richtig Brasilien. Die Geschäfte, die Architektur... das hätte auch in jeder anderen europäischen Stadt sein können. Wir waren im Parque do Ibirapuera, dem angeblichen Central Park Sampas, aber für den Titel fehlt noch einiges. Es gab nur wenige Wege und auch nicht wirklich viel zu sehen. Der Spaßfaktor blieb also leider aus, wobei da der Regen auch keine unwesentliche Rolle gespielt hat.
Später sind wir zur berühmten "Avenida Paulista" gegangen. Früher war das der Bezirk der Kaffeebarone und heute ist es eine große Straße wie jede andere auch mit vielen hohen Bürotürmen. Überraschenderweise war es dort sogar richtig leer, wo man doch sonst so viel davon gehört hat, wie voll die Stadt doch immer sein soll... Als wir uns dann in einem Shopping Center umgeschaut haben, ist uns aufgefallen, dass alle so viele tolle Tüten von irgendeiner Austauschmesse hatten. Die wollen wir auch haben! Gesucht, gefunden... eine Messe für Studenten, die im Ausland studieren wollen. Hm...naja, wir sind schon im Ausland, aber es kann ja nie schaden sich mal anzuschauen was so über das eigene Land gesagt wird. Von Deutschland gab es sage und schreibe einen Stand, an dem auch leider nur 2 grimmige Menschen standen, die unseren Spaß irgendwie nicht verstanden haben. Kein Wunder wo die Vorurteile herkommen... Zum Abschluss unserer Tour waren wir dann noch im Edifício Itália, dem mit 46 Etagen höchsten Gebäude des Zentrums, und haben uns São Paulo bei Nacht von oben angeschaut. Da musste ich mir dann auch eingestehen, dass es tatsächlich verdammt groß ist und man kein Ende sehen kann.
Abends sind wir dann noch mit Dani und ihren Arbeitskollegen weggegangen. Erst wollten wir in einen Club und standen auch schon in der Schlange, bis es Dani dann doch zu doof wurde. Also sind wir in eine Art Pizzeria - Club gefahren. Erst gab es lecker Pizza und dann konnte man im anliegendem Club zu erstaunlich guter Elektromusik die Kalorien wieder abzappeln. :) Wir wollten dann allerdings eher nach Hause und haben den Taxis Sampas noch eine Chance gegeben, aber leider wieder nicht erfolgreich. Mein Rat: nie ein Taxi in São Paulo nehmen, wenn dann nur, wenn man selbst die Karte liest.
Sonntagmorgen haben wir ausgeschlafen, sodass wir auch erst relativ spät das Haus verlassen haben. Nachdem wir heute nur 3 mal die Metro wechseln mussten, haben wir den Tag in Liberdade begonnen. Liberdade ist das Viertel in dem die meisten japanischen Menschen außerhalb Japans wohnen. Es gab einen kleinen Markt und zum ersten Mal in der Stadt richtig viele Menschen. Nachdem wir uns bei einem Japaner gestärkt haben, sind wir noch ein wenig durch die Straßen gelaufen, aber das hat so wenig Spaß gemacht, dass wir unsere Lonely Planet geführte Stadttour begonnen haben.
Jeden einzelnen Punkt zu nennen, wird zu viel und zu langweilig, deswegen erwähn ich nur die Spannendsten. Also, Startpunkt: Praca da Sé, das alte Herz der Stadt. Dort war auch die Catedral da Sé, eine riesengroße und sehr schöne Kathedrale. Danach waren wir am Praca Páteo do Colégio, an dem São Paulo 1554 von Jesuiten gegründet wurde. Auf dem Platz kam auf einmal eine Frau mit Kamera auf uns zu und meinte uns ein paar Fragen zum Thema "Liebe" zu stellen. Nichts "lieber" als das... Aber irgendwie hat sie uns nach ein paar Sätzen stehen lassen, also sind wir weiter gegangen. Bis sie uns Cindy-schreiend hinterher gerannt kam und gefragt hat, ob wir nicht 15 Minuten Zeit haben. Eigentlich nicht, aber ok... Also haben wir ganz brav ihre Fragen beantwortet und auf einmal hat sie ihren Anzug ausgezogen, stand in Kleid vor uns, hat einen Regenschirm rausgeholt und angefangen zu tanzen... okay. Wir haben das einfach mal akzeptiert. Nach ein paar weiteren Fragen hat sie ihre Katzenmaske ausgepackt, sich vor die Kamera gehockt und Katze gespielt und dann kam der Lacher. Nach den letzten Fragen meinte sie, dass Filme ja meistens mit einem Kuss enden und ob wir eine "Häsin" küssen würden... ähm...nein. Dann ist sie schreiend weggelaufen und kam auch nicht wieder. Dieses Mal haben wir uns dann auch etwas schneller entfernt und als ich mich kurz umgedreht habe, stand da tatsächlich eine andere Frau als Häsin verkleidet... Annabelle, Turbo! :-) Merkwürdiges Völkchen da.
Nach dieser kurzen Ablenkung waren wir im Finanzzentrum und an der Börse. Dort gab es auch das Gebäude der BANESPA, welches die Antwort auf das Empire State Building sein soll, es sieht auch ein wenig so aus, ist aber lange nicht so hoch.
Später kamen wir auch am Praca da República, dem eigentlichen Ausgangspunkt der Tour, und dem Chafariz dos Piques Brunnen, der früher die ganze Stadt versorgt hat, vorbei. Nach einer kurzen Mc Flurry Pause wurde es auch schon langsam dunkel und Zeit die Tour zu beenden. Ein letztes Highlight war das Theatro Municipal, ein wirklich tolles und sehenswertes Gebäude.
Dann war es allerdings auch an der Zeit zurückzukehren. Dani und ein Freund von ihr haben uns zum Busbahnhof gefahren und pünktlich 22:15 haben wir uns wieder auf den Weg in die Heimat gemacht und Rio hatte uns gegen 4 Uhr morgens wieder.
Alles in allem in SP echt eine sehenswerte Stadt, auch wenn ich anfänglich ein wenig enttäuscht war. Ich glaube in meinen Gedanken war São Paulo immer ein New York mit Palmen, aber das ist es gar nicht. Es gibt hier und dort "Wolkenkratzer" aber die sind eben nicht auf einer Insel konzentriert, sondern verteilt auf einer sehr großen Fläche. Die Stadt war bis auf Liberdade absolut nicht hektisch, sondern eher leer - ein New York ist auch am Wochenende voll gestopft mit Menschen. Im Zentrum waren nur arme Menschen, das war auf der einen Seite gruselig und auf der anderen Seite einfach nur traurig. Das Wetter war beide Tage nicht so gut. Bei nur 20 Grad war es für uns sogar kalt, aber São Paulo ist wirklich sehr vielseitig und das ist richtig spannend. Das Essen ist super, das Nachtleben auch und wenn man das nötige Kleingeld hat, kann man auch richtig gut shoppen. Also, alles in allem also definitiv einen Besuch wert.
Ich hab jetzt sicher die Hälfte vergessen, aber das wird Annabelle dann als Kommentar ergänzen! :) Achso und Fotos sind leider auch noch auf ihrer Kamera...
Liebe Grüße und bis in 2 Monaten!!!